Philosophie gibt Überblick

Im Alltag tendieren wir oftmals dazu, Dinge und Konzepte als gegebene Größen anzunehmen. Wir blicken aus der immer gleichen Perspektive auf eine Situation, ohne uns bewusst zu machen, dass auch unsere Warte nur eine Perspektive ist. Solange das System läuft, stellt dies kein großes Problem dar.

Schwierig wird es erst, wenn die bewährten Handlungsmuster, die wir gelernt haben, nicht mehr greifen.

Unsere Wirklichkeit wird zunehmend komplexer. Mit einem verstärkten Informations- und Wissensinput hoffen wir, mit dieser Situation fertig zu werden. Das erweist sich jedoch in vielen Fällen als kontraproduktiv. Stagnation, Reibungsverluste und Burn-Out sind die immer häufiger anzutreffenden Begleiterscheinungen dieser Haltung. Aber auch die andere Tendenz, die Dinge zu vereinfachen, führt nur selten zu mehr Klarheit, Orientierung oder Sicherheit.

Nachhaltig wirksame Impulse kann hingegen das philosophische Denken bieten, denn es zeigt uns, dass unser Denken und Handeln von Vorstellungs- und Weltbildern geprägt ist, die wir selbst erschaffen haben. Wirklichkeit ist demzufolge keine feste – uns vorgegebene – Größe, sondern ein Produkt unserer Wahrnehmung. Wie wir auf die Wirklichkeit blicken, so erscheint sie uns. Verändern wir unsere Haltung, verändert sich unsere Sicht der Wirklichkeit. Ein halb gefülltes Glas kann bekanntermaßen halb leer oder halb voll sein.

Im Alltag tendieren wir oftmals dazu, Dinge und Konzepte als gegebene Größen anzunehmen. Wir blicken aus der immer gleichen Perspektive auf eine Situation, ohne uns bewusst zu machen, dass auch unsere Warte nur eine Perspektive ist. Solange das System läuft, stellt dies kein großes Problem dar. Schwierig wird es erst, wenn die bewährten Handlungsmuster, die wir gelernt haben, nicht mehr greifen.

Den Kopf zu drehen und den Blickwinkel zu ändern, ist die effektivste Methode, mit veränderten Situationen umzugehen. Doch so einfach das klingen mag, so schwierig ist dies in der Praxis, da wir den Perspektivwechsel nie eingeübt haben. Wir haben im Gegenteil gelernt, uns mit unseren Haltungen und Überzeugungen so zu identifizieren, dass wir sie unter keinen Umständen loslassen können und wollen, da unsere Identität damit verbunden ist. Nur wer gelernt hat, sich nicht mit Positionen zu identifizieren, ist jedoch frei, neue Wege zu erkennen und zu beschreiten.

Das Problem der Identifikation besteht nicht nur darin, dass wir unflexibel sind, sondern die alten Philosophen erkannten, dass die Identifikationen mit Haltungen und Überzeugungen zur seelischen Beunruhigung führen kann. Ein gutes Leben zu leben, heißt zur Seelenruhe zu finden.

An dieser Stelle sei einem Missverständnis vorgebeugt: Wenn vom Nicht-Identifizieren die Rede ist, heißt das nicht, keinen Standpunkt zu haben, sondern anzuerkennen, dass jeder Standpunkt durch verschiedenste Faktoren bedingt ist, die sich auch ändern können.

In der philosophischen Tradition der Antike war das Einüben in die Nicht-Identifikation mit den eigenen Meinungen und in den Perspektivwechsel daher ein wichtiger Bestandteil der geistigen Schulung. Mit ihr verbunden war die Fähigkeit, Meinungen von Wissen zu unterscheiden.

Besonders die sokratisch geprägte Philosophie zielte darauf ab, durch ein konstantes Hinterfragen der eigenen Überzeugungen, Meinungen und Anschauungen als solche zu erkennen und loszulassen. Sokrates war kein Denker, der anderen Menschen ein neues Welterklärungssystem verkündete, sondern seine Gesprächspartner durch permanentes Nachfragen dazu brachte, Widersprüche in ihren eigenen Überzeugungen zu erkennen.

Echtes lernen geschieht nicht dadurch, dass wir einem anderen etwas glauben, sondern indem wir es selbst erkennen. Ein von außen aufgepfropftes Wissen trägt nicht. Wo es uns gelingt, unsere eigenen Meinungen als persönlich gefärbte Anschauungen über die Wirklichkeit zu erkennen, ist es uns auch möglich, andere Meinungen auszuhalten, weil wir sehen, dass sie eine andere Perspektive der Wirklichkeit darstellen. Vielleicht beinhalten sie auch neue und wichtige Aspekte, die uns bis lang verborgen geblieben sind. Wer andere Ansichten nicht primär als Bedrohung seiner Position versteht, sondern als mögliche Bereicherung, erweitert nicht nur seinen Horizont, sondern kann für ein, und in einem Unternehmen neue Felder erschließen.

Haltungen und Überzeugungen verorten zu können und den Überblick zu bewahren, das zeichnet den echten Philosophen aus. Platon spricht vom Philosophen daher als einem Synoptikos, als einem, der die Dinge zusammenschauen kann und die Perspektive als solche erkennt. Wer führen will, muss ein Synoptikos sein. Der Synoptikos hat den Überblick, weil er reflektieren kann und sich nicht mit Überzeugungen identifiziert. Freiräume, in denen sich neue Visionen und Ideen entwickeln, können so entstehen.

Philosophie ist also kein Luxus, für Menschen, die den Müßiggang pflegen, sondern Philosophie ist eine Notwendigkeit für Menschen, die frei entscheiden wollen. Nur wer sich über sein eigenes Denken bewusst ist, kann anders handeln, weil er nicht eingefahrenen Mustern folgt.

Prof. Dr. Dr. Katharina Ceming, Januar 2013

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